IRRE/FÜHRUNG

Man stelle sich diese Situation vor: Ein Mitarbeiter kommt auf die Führungskraft zu und gesteht ihr, dass er fürchterliche Angst vor einem wiederkehrenden Meeting mit der Geschäftsführung habe, in dem er seine Arbeit präsentieren muss. Es sei so schlimm, dass er die Nacht davor nicht schlafen könne. Wie reagiert man als Führungskraft darauf? In den meisten Fällen wird eine ähnliche Antwort wie diese kommen: „Du machst das schon, Angst brauchst du keine zu haben.“ Wird der Mitarbeiter dann wirklich weniger Angst haben? Zumeist ist genau das Gegenteil der Fall. In seinem Ratgeber „IRRE/FÜHRUNG“ seziert der Managementcoach und Diplom-Psychologe, warum so viel gut gemeinte Führung genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie will.


Irre Annahmen: Das hat hier keinen Platz – also ist es nicht da


Über 30 Jahre Coaching-Erfahrung und 60 geführte Interviews mit Führungskräften aller Ebenen hat Stefan Hölscher in dieses Buch einfließen lassen. Sein Befund: Es sind selten böse Absichten, die Führung schädlich bzw. „irre“ machen. Es sind blinde Flecken im Mindset, etwa die Idee, eine Emotion dürfe kein Thema sein, weil es doch keinen objektiven Grund für sie gebe. Wer so denkt, redet Mitarbeitenden ihre Angst, ihre Wut oder ihre Erschöpfung weg, statt sie zu verstehen. Kurzfristig spart das Zeit. Langfristig zahlt man dafür drauf: in Form von Rückzug, Dienst nach Vorschrift, eskalierten Konflikten oder Mitarbeitenden, die still gekündigt haben.


Wer irrt sich?


Im ersten Teil seines Buches zeigt er auf, was die Schwierigkeiten guter Führungsarbeit sind. Ein grundlegendes Problem: Es wird immer nach einer schuldigen Person gesucht. Die Führungskraft kommuniziert nicht ausreichend, der Mitarbeitende ist zu unflexibel, der Vorstand stellt unmögliche Anforderungen. Stefan Hölscher macht deutlich, dass Führung nur ein Baustein, ein Detail in einem komplexen Geflecht mit vielen Abhängigkeiten ist. „Damit überhaupt die Bedingung der Möglichkeit für nachhaltige Verbesserungen eröffnet wird, braucht es ein Denken in Interaktionen und Wechselwirkungen“, so der Autor. Und um mit diesen Wechselwirkungen besser zurechtzukommen, sie zu verstehen und leiten zu können, so rät er, fängt am besten jeder bei sich selbst und seinem Grundverständnis von Führung an.


Das Mindset für gute Führung


Dazu bietet er im dritten Teil seines Buches konkrete Führungswerkzeuge, von klarer Sprache bis zu systematischem Feedback, an. „Führung ist Kommunikation, und Führungstools sind Kommunikationsmethoden. Nichts anderes“, sagt Stefan Hölscher. Und ab hier heißt es practice what you preach. Und wie hätte man dem schlaflosen Mitarbeiter helfen können? Die Emotionen ernstzunehmen wäre der erste Schritt, „um dann der Frage nachgehen zu können, wie ein konstruktiv-zielführender Umgang mit den jeweiligen Situationen und Emotionen aussehen könnte“. Vielleicht könnte die Führungskraft den Mitarbeiter im nächsten Meeting einfach begleiten und dialogisch durch die Präsentation führen. Manche Führungswerkzeuge sind simpel, aber menschlich und effektiv.


Roter-Reiter-Fazit


Stefan Hölscher zeigt an konkreten Praxisbeispielen, warum gute Führung immer eine gemeinsame Aufgabe in Organisationen ist und wie Führungskräfte mit einem fokussierten Mindset stark führen können.


Stefan Hölscher: IRRE/FÜHRUNG. Wenn Führung schadet und was sie stark macht
Vahlen, 2026
270 Seiten, 24,90 Euro
ISBN 978-3-8006-7896-9

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