01 Nov. Authentisch statt optimiert: Wenn Neurowissenschaft auf Schauspiel trifft
Trafen sich eine Neurowissenschaftlerin und eine Schauspielerin – so fängt die Entstehungsgeschichte des Buches „Werde, wie du bist“ an. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry war Teil eines einmonatigen Medientrainings und äußerst skeptisch, denn die Coachin versprach innerhalb eines Monats „wirkliche Transformation“: „Wie konnte sie solche hochtrabenden Versprechungen machen?“ Michaela Brohm-Badry ist langjährige Professorin für Lernforschung an der Universität Trier und heute Leiterin des Europäischen Forums für Positive Neurowissenschaften.
Auf der anderen Seite des Rechners saß Claudia Jahn, Schauspielerin, Sprecherin und Coach für Auftrittskompetenz und Kamerapräsenz. Sie war nervös, kannte und bewunderte sie doch Michaela Brohm-Badry sehr. Aber: „Wir ergänzten uns auf eine Weise, die ich so nicht erwartet hatte“, erzählt sie. „Das, was ich bisher den Menschen vor allem intuitiv und aus Erfahrung nahegebracht hatte, konnte Michaela auf neurowissenschaftlicher Ebene erklären.“
Unauthentisches Verhalten ist messbar
Aus dieser Begegnung erwuchs eine harmonische Zusammenarbeit, die in dem Buch „Werde, wie du bist – ein Befreiungsschlag. Was es wirklich heißt, authentisch zu sein“ mündete. Hier zeigen die beiden Autorinnen, wie gut sich zwei Perspektiven auf denselben Gegenstand ergänzen. Statt Selbstoptimierung zu versprechen, plädieren sie für das Gegenteil: aufhören, etwas darzustellen, was man nicht ist.
Claudia Jahn sieht, wo innen und außen nicht übereinstimmen, und weiß aus Bühne und Kamera, was Wirkung ausmacht: Wer bei sich ist und niemandem etwas beweisen muss, wirkt stärker. Michaela Brohm-Badry liefert die Messbarkeit dazu. Im EEG lässt sich sehen, wann ein Mensch stimmig ist. In authentischen Momenten arbeiten die beteiligten neuronalen Netzwerke synchron. Wer eine Rolle spielt, dessen Netzwerke „diskutieren“ miteinander, und das Gehirn muss ständig regulieren. Das ist anstrengend, und das Gegenüber spürt es. Der Stress entsteht oft nicht durch die Unsicherheit selbst, sondern durch die Mühe, sie zu verbergen.
Weg mit den Schablonen
„Viele Menschen nehmen an, sie hätten tief in sich einen festen Kern, eine Art inneren Nordstern“, so die Autorinnen. Dieses Bild kann aber dazu führen, dass wir in „selbst angelegten Ketten“ gefangen sind. Denn wenn wir davon ausgehen, dass wir zu den kühl kalkulierenden, eher objektiv beurteilenden Führungskräften gehören, dann versuchen wir auch, jede dagegenstrebende Handlung zu unterbinden.
Denn das sind wir dann ja nicht, oder? Vielleicht erwischen wir uns bei dem Gedanken, dass es schon schön wäre, wie der Kollege vom Team einen Blumenstrauß zum Geburtstag zu erhalten. Doch wir bekommen, wie jedes Jahr, keinen, denn zu unserer Teamkultur gehört es, Persönliches herauszuhalten. Aber schön wäre es dennoch.
Michaela Brohm-Badry und Claudia Jahn plädieren dafür, weicher zu uns selbst zu werden und verschiedene Facetten zuzulassen. „Wahre Echtheit liegt nicht in Konstanz, sondern in Vielfalt.“ Die Autorinnen zeigen, warum dieses Loslassen von Annahmen und Mustern zu weniger Stress im Gehirn und mehr Präsenz führt.
Roter-Reiter-Fazit
„Werde, wie du bist“ verbindet neurowissenschaftliche Erkenntnisse aus Bühnen- und Coachingpraxis. Michaela Brohm-Badry und Claudia Jahn zeigen Wege auf, wie wir lernen, auf unseren Körper zu hören und authentische Entscheidungen zu treffen.
Michaela Brohm-Badry, Claudia Jahn: Werde, wie du bist – ein Befreiungsschlag. Was es wirklich heißt, authentisch zu sein
Campus Verlag, 2026
272 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-593-52246-3